Intranet: Kompetenz auf Tastendruck
Das gemeinsame Sammeln, Verdichten, Verteilen,
Nutzen und Verwalten von Informationen ist mehr
als ein gute Idee - es ist die Voraussetzung für
effizientes Wissensmanagement und somit notwendige
Basis für die Wettbewerbsfähigkeit arbeitsteiliger
Unternehmen.
Nicht die Menge an Informationen, sondern deren
Qualität entscheidet über den Erfolg oder
Misserfolg von Projekten, Geschäftsprozessen
- im schlimmsten Fall gar von ganzen Unternehmen.
Doch was nützt ein noch so ausgeklügeltes
Expertensystem, wenn sich kein Fachspezialist dazu
berufen fühlt oder aber keinen Anreiz verspürt,
sein Know-how mit Dritten zu teilen? Allzu oft herrscht
heute leider noch die Situation vor, dass wer die
für ein Unternehmen wichtigen Informationen
kontrolliert, auch über Macht und Einfluss
verfügt.
Solange in Unternehmen keine wirklichen Anreize
für die gemeinsame Nutzung von Wissen geschaffen
werden, wird auch die Wissensbasis, auf die sie
zurückgreifen können, ziemlich schwach
bleiben. David Coleman von Collaborative Strategies,
San Francisco, bringt es auf den Punkt, wen er hierzu
festhält: "Der Versuch, Menschen zur Zusammenarbeit
zu zwingen, kommt dem Versuch gleich, eine Schnur
zu stossen". Vorherrschende Informationsprobleme
oder -engpässe sind demnach oft eher psychologischer
sowie organisatorischer als spezifisch technischer
Natur.
Mitdenken kann nur, wer informiert ist
Die wachsende Bedeutung relevanter Informationen
beschränkt sich keineswegs ausschliesslich
auf die Unternehmensleitung. Auch bei den Mitarbeitern
hat dieses Bedürfnis sowie der Wunsch nach
geistiger Partizipation im Unternehmen deutlich
zugenommen. Der raschen, umfassenden, vor allem
aber zeitgerechten Information aller Mitarbeiter
kommt somit vermehrt eine unternehmensübergreifende
Schlüsselfunktion zu. Die innerbetriebliche
Informationspolitik hat über Vorgänge
zu orientieren, die jeden Mitarbeiter persönlich,
sein Aufgaben- und Arbeitsgebiet oder aber das
Unternehmen als ganzes betreffen. Erst vor diesem
Hintergrund wird es für den Einzelnen möglich,
ein eigenes Verständnis für das Geschehen
innerhalb des Unternehmens zu entwickeln und gleichzeitig
das eigene, subjektive Beurteilungsvermögen
und Selbstverständnis sowie die Motivation
zu stärken. Nicht von ungefähr sieht
deshalb wohl auch das europäische Modell
für umfassendes Qualitätsmanagement
die Verbesserung der Kommunikation auf allen Stufen
als zwingende Voraussetzung für mehr Mitarbeiterzufriedenheit
vor.
Verknüpfung von Informationen und Mitarbeitern
In der Praxis gestaltet sich der Wandel von einer
vergangenheitsorientierten Datenverarbeitungs-Mentalität
zu einer zukunftsgerichteten Informationsmanagement-Kultur
nicht immer ganz reibungslos. Vielfältige
Erschwernisse kultureller, struktureller, technischer
sowie psychologischer Art sind zu bedenken. Gerade
deshalb geben die aktuellen Entwicklungen bei
Firmen wie Coca-Cola, General Electric oder Sequent
Computer Anlass zur Hoffnung. Allen drei Unternehmen
gemein ist deren Ernennung eines "Chief Knowledge
Officers", dessen wichtigste Aufgabe es ist,
Informationen mit hohem Wert zu sammeln und elektronisch
verfügbar zu machen, was konkret bedeutet,
die Preisgabe und Nutzung vorhandener Information
und von bestehendem Wissen markant zu verbessern.
Das zur Verfügung stellen all dieser Informationen
wäre mit einer klassischen Dokumenten- und
Archivphilosophie nie zu bewerkstelligen. Erst
die hierarchieunabhängige Verknüpfung
von Informationen und Mitarbeitern mit Hilfe eines
auf Komponenten des Internets basierenden firmeninternen
Netzwerkes erlaubt es, dieses Wissen allen interessierten
Stellen im Unternehmen zugänglich zu machen.
Technik als Mittel zum Zweck
Die mit medientechnologischer Hilfe ermöglichte
Befähigung (theoretisch) aller Mitarbeiter,
gezielt und selbstbestimmt Informationen aufzufinden,
zu interpretieren sowie situationsspezifisch anzuwenden,
ist der eigentliche Grund für den Erfolg
von Intranetlösungen. Wer die Bewirtschaftung
unternehmensrelevanter Informationen allerdings
allein der Informatikabteilung überlässt,
übersieht dabei leicht, dass ganzheitliches
Informationsmanagement vor allem die bereits erwähnten
nicht-technologischen Aspekte zu berücksichtigen
hat.
Auch die Unternehmenskultur sowie über viele
Jahre eingespielte Arbeitsprozesse und Projektteams
spielen für den Erfolg der Know-how-Bewirtschaftung
die entscheidendere Rolle, als "von oben"
aufgesetzte Organisationsstrukturen oder aber
akribisch befolgte Verteilerlisten für betriebsinterne
Dokumentenflüsse. Bei aller Begeisterung
für die unerhörten Möglichkeiten
des technisch Machbaren weicht deshalb oft die
anfänglich vorherrschende Euphorie zunehmend
dem pragmatischen Bedürfnis nach Lösungsansätzen,
die nicht endlose, im Kern aber wertlose Datenfriedhöfe
generieren, sondern situativ und kontextbezogen
Informationen zur Verfügung stellen.
Push - Pull - Pass
Die Komplexität eines Intranets lässt
sich anhand der abzudeckenden innerbetrieblichen
Informationsbedürfnisse respektive anhand
unterschiedlicher funktionaler Ausbaustufen anschaulich
differenzieren:
- Corporate Electronic Communication
- Corporate Electronic Information Sharing (Publishing)
- Corporate Electronic Collaboration
- Corporate Electronic Applications
Die erste, technologisch wenig anspruchsvolle
Stufe eines Intranets beschränkt sich auf
das individuelle Verbreiten von Informationen
im weitesten Sinne. Dies geschieht mittels gezieltem
Versenden von Nachrichten oder Daten via E-Mail
(Electronic Communication), was bedeutet, dass
die Informationen zu den Empfängern "gepusht"
werden.
Die zweite Stufe eines Intranets steht stellvertretend
für den Paradigmenwechsel in der internen
Kommunikation. Vorhandene Informationen und Dokumente
stehen prinzipiell allen Mitarbeitern plattformunabhängig
und nahezu in Echtzeit zur Verfügung (Electronic
Information). In den USA hat sich für dieses
"Information pulling" auch die Umschreibung
"Information at your fingertips" etabliert.
Die dritte Ausbaustufe eines Intranets beinhaltet
schliesslich die standortunabhängige sowie
plattformübergreifende Zusammenarbeit von
Mitarbeitern oder Arbeitsgruppen (Electronic Collaboration)
mit Hilfe dafür vorgesehener Groupware-Tools.
Elektronische Diskussionsforen erlauben zudem
- nebst individueller Problemlösungen und
Mitteilungsbedürfnisse - das Plazieren unternehmenskritischer
Beiträge, die im Sinne von Pass-Strategien
gleichsam den Weg zu den effektiven Adressaten
finden und somit ein wichtiges Instrument des
hierarchieübergreifenden Meinungsaustausches
darstellen.
Die vierte und letzte Stufe eines Intranets ist
derzeit noch verhältnismässig wenig
verbreitet. Sie beinhaltet Applikationen, die
in die vertraute Intranet-Oberfläche eingebunden
sind. So ermöglicht beispielsweise die Firma
Silicon Graphics auf diese Art das Bestellen von
Büromaterial, während bei Novartis Dokumentationen
sowie Promotionsartikel aus dem Bereiche Corporate
Communications über das Intranet geordert
werden können.
Themen strukturieren ein Intranet
Für ein Intranet gilt, dass dieses direkt
proportional zum subjektiv empfundenen Vorteil
genutzt wird. Struktur und Inhalt müssen
sich an diesem Grundsatz ausrichten, weshalb technologische
Spielereien eher in den Hintergrund drängen.
Praktische Erfahrungen zeigen zudem, dass bevorzugte
Intranet-Inhalte grossmehrheitlich Themen der
Lohn-, Personal- und Sozialpolitik (z.B. Bonus-,
Spesen- und Pensionskassenregelung, Weiterbildungsangebote
etc.) oder aber das tägliche "Allerlei"
betreffen (z.B. Telefonverzeichnis, SBB-Fahrplan,
Menuplan etc.).
Ein von den Mitarbeitern akzeptiertes Intranet
trägt diesem Umstand Rechnung und beinhaltet
nebst unternehmensbezogenen Inhalten explizit
auch Plauderecken und Fundgruben, die ein persönliches
Involvement auf "Buschtrommel"-Niveau
ermöglichen. Trotzdem: Auch mit modernster
Technik lassen sich vorhandene, grundlegende Kommunikationsprobleme
nicht lösen. Solange diese letzte Erkenntnis
bei der Konzeption und Implementation von Intranetlösungen
gebührend berücksichtigt wird, sind
dem Optimierungspotential betrieblicher Informationsmanagementprozesse
jedoch vorläufig kaum Grenzen gesetzt.
Autor
Dr. Marco Dick, Managing Partner Comma Factory
Artikel erstmals publiziert in:
Marketing
& Kommunikation, Special «Kommunikation
im Internet»,
Mai
1998, S. 22-24
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